Es geht nur noch darum zu streichen
Adam-Stegerwald-Kreis zieht historische Vergleiche und kritisiert heutige Politik
"Es lohnt sich auch heute noch, sich mit Leben und Werk von Adam Stegerwald auseinanderzusetzen." Diese Meinung vertrat Dr. Bernhard Forster (Passau) bei einer Veranstaltung des Adam-Stegerwald-Kreises am 4. Dezember in Retzbach (Landkreis Main-Spessart).
Der Namensgeber des Vereins wurde vor 130 Jahren, am 14. Dezember 1874, in Greußenheim bei Würzburg geboren. In der Kaiserzeit und der Weimarer Republik war er christlicher Gewerkschaftsführer und Politiker. Während der Weltwirtschaftskrise 1930 bis 1932 amtierte er als Reichsarbeitsminister. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete er die CSU mit und war vor seinem Tod im Dezember 1945 für wenige Monate erster unterfränkischer Regierungspräsident.
Stegerwald sei wie andere christlich-soziale Politiker des 19. und 20. Jahrhunderts aus Unterfranken weitgehend vergessen, meinte Peter Keller (Zellingen), der Vorsitzende des Adam-Stegerwald-Kreises. Er erinnerte in diesem Zusammenhang an Jakob Kaiser (Hammelburg) und Hugo Karpf (Aschaffenburg). Während der Weltwirtschaftskrise sei Stegerwald Sachwalter der Sozialpolitik gewesen und könne mit seinen Erfahrungen für heute lehrreich sein.
"Berlin ist nicht Weimar", unterstrich Dr. Bernhard Forster, der im vorigen Jahr mit einer 700-Seiten-Biografie über Stegerwald promovierte. Aber es gebe deutliche Parallelen: Scharfe Differenzen zwischen den Tarifparteien, Forderungen nach massiven Lohnkürzungen sowie Rufe nach drastischen Einschnitten ins Arbeits- und Sozialrecht. Teile der Forderungen musste Stegerwald nach Forsters Worten angesichts eines Millionenheers von Arbeitslosen per Notverordnungen umsetzen, nachdem sein Ziel scheiterte, zu einer einvernehmlichen Lösung der Tarifparteien zu kommen.
Ziel Stegerwalds sei es aber stets gewesen, den damals schon bestehenden Sozialstaat in seinem Kern zu erhalten. Er habe sich nicht zum Büttel der Industrie machen lassen. "Eine Amerikanisierung der Sozialpolitik kam für ihn nicht in Frage", unterstrich Dr. Forster. Stegerwald sei unter anderem für Arbeitszeitverkürzung und staatliche Beschäftigungsprogramme eingetreten.
Andererseits habe Stegerwald, der tief in der katholischen Soziallehre verwurzelt war, auch darauf gedrungen, dass soziale Sicherung nicht so weit gehen dürfe, die individuelle Leistungsbereitschaft zu lähmen. Außerdem habe er das Ideal einer breiten Einkommensstreuung nie aus den Augen verloren. Das werde gerade heute wieder zum Thema, weil es in Deutschland immer mehr Reiche und Arme gebe, während der Mittelstand ausdünne, meinte der Referent.
"Adam Stegerwald war für notwendige Reformen", fasste Peter Keller zusammen. Für ihn sei es entscheidend gewesen, dabei auch Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Das vermisste Keller an der heutigen Politik, über die er sich enttäuscht zeigte. "Es geht nur noch darum zu streichen", meinte der frühere CSU-Bundestagsabgeordnete. Wichtig sei es aber, den Menschen eine Perspektive für die Zeit nach den Streichungen zu geben.
Keller ehrte außerdem Dr. Hans Neugebauer (Würzburg), von 1981 bis 2001 Vorsitzender des Vereins, und Eberhard Fuchs (Estenfeld), von 1978 bis 1981 Vorsitzender und anschließend 20 Jahre lang stellvertretender Vorsitzender und Geschäftsführer, mit der Adam-Stegerwald-Medaille in Silber. tjm
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